Runter vom Holzweg!

Der Text basiert auf der Veranstaltung „Lieferketten auf dem Holzweg?! Helfen Sorgfaltspflichten gegen die globale Entwaldung?“, die am 1. Dezember 2021 gemeinsam vom Projekt Wirtschaft und Menschenrechte in Schleswig-Holstein und Fairtrade Stadt Lübeck e.V. organisiert und digital durchgeführt wurde.

Text: Simone Ludewig

Der Wald muss dringend wieder als Ökosystem und nicht länger als Rohstoffreserve betrachteten werden, fordern Forstwirt Lutz Fähser und Umweltwissenschaftler*in Evelyn Schönheit. (Bild: unsplash)

Wie kommen wir zu entwaldungsfreien Lieferketten?

Die globalen Waldbestände und damit auch die Artenvielfalt sowie Menschenrechte sind akut gefährdet. Mit der weltweit fortschreitenden Abholzung riesiger Waldflächen droht das Klimasystem unwiderruflich zu kippen. Unterschiedliche Perspektiven blicken auf den Zusammenhang zwischen globalen Lieferketten und dem Verschwinden der Wälder.

Der Forstwirt: Mit dem Wald überleben

Dr. Lutz Fähser, Forstwirt und ehemaliger Forstdirektor, ist international anerkannter Fachmann für naturnahe Waldbewirtschaftung und sieht eine globale Verantwortung der Entwaldung ein schnelles Ende zu bereiten. Zentraler Grund für die fortschreitende Entwaldung bzw. Degradierung der globalen Waldbestände ist der marktwirtschaftliche Sog nach Holz und Rohstoffen aus den reichen Industrieländern. Wälder müssen aber dringend wieder als Ökosysteme statt als Rohstoffreserve begriffen werden.

13 Mio Hektar Wald gehen jährlich verloren. Treiber: der Konsum von Risikogütern. (Bild: ADP Partner, CC 3.0)

Bereits 1992 entstanden auf der bisher größten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro die Konventionen zu Klima, Biodiversität und Wüsten. Fast alle Staaten verpflichteten sich mit dieser zu einer „Nachhaltigen Entwicklung“ (Sustainable Development). „Nachhaltig“ wäre es, die Grenzen der natürlichen Leistungsfähigkeit von Wäldern zu respektieren, denn diese definieren die Nutzungsmöglichkeiten. Eine verantwortungsvolle Nutzung auch in globalen Lieferketten muss deshalb zwingend überlebensorientiertes Verhalten bedeuten. Das Wirtschaften muss sich dafür in den Naturhaushalt einfügen und die Menschheit sich ethisch als Teil der Natur empfinden.

Ein Beispiel hierfür ist der 5.000 Hektar große Stadtwald von Lübeck. Er wird seit 1994 behutsam zu mehr Naturnähe entwickelt und mit einem Minimum an Störungen bewirtschaftet. Dafür wurde der Wald vom Bundesumweltministerium als Referenzmodell für eine „Nachhaltige Entwicklung“ im Sinne der Rio-Konferenz von 1992 ausgezeichnet.

Die großen globalen Waldtypen sind durch die verschiedenen Klimazonen unterschiedlich geprägt und unterschiedlich empfindlich gegenüber ihrer Nutzung. Es gibt boreale, temperate, trockene und feucht-tropische Wälder von derzeit jeweils ca. 800 Mio. Hektar Verbreitung. Damit besteht nur noch die Hälfte der ursprünglichen Waldfläche der Erde. Jährlich verschwindet weltweit weiter etwa die ein- bis zweifache Fläche des deutschen Waldes und es entstehen mehr als zehn Mio. Hektar Wüsten. Viele Länder besitzen nur noch eine Waldbedeckung von unter fünf Prozent, so z.B. Äthiopien, Pakistan und Madagaskar. In Deutschland bleibt die bewaldete Fläche von 33 Prozent im Moment stabil, deren Vitalität und Überlebensfähigkeit sinkt allerdings durch unökologische Forstwirtschaft und Effekte des Klimawandels.

„Wälder müssen dringend wieder als Ökosysteme statt als Rohstoffreserve begriffen werden.“ Lutz Fähser, Forstwirt

Delara Burkhard hat den Initiativbericht für entwaldungsfreie Lieferketten des Europäischen Parlaments verfasst (Bild: European Union 2021: EP)

Das Europäische Parlament: Die EU muss handeln

Delara Burkhardt, Europaabgeordnete der SPD aus Schleswig-Holstein, hat den Initiativbericht des Europäischen Parlaments für entwaldungsfreie Lieferketten vorbereitet. Hintergrund dafür war, dass allein der EU-Konsum zum jährlichen Verlust von 13 Mio. Hektar Wald mit 16 Prozent beiträgt.

Hierbei spielt nicht nur der Verbrauch von Holz z. B. als Baustoff, sondern insbesondere, der Konsum von Risikogütern eine entscheidende Rolle. Güter wie z.B. Soja, Fleisch, Palmöl oder Kakao gefährden natürliche Wälder, weil sie große Flächen beanspruchen.

Mit einer neuen Verordnung will die EU hier nun Abhilfe schaffen, damit die Lieferketten nach Europa entwaldungsfrei werden.  Am 17. November 2021 hat die EU-Kommission hierfür einen Vorschlag gemacht. Im Vergleich mit dem Initiativbericht des Parlaments klaffen in diesem jedoch noch gravierende Regelungslücken:

  • Die Liste der erfassten Risikowaren schließt wichtige Produkte wie Kautschuk und Mais nicht ein.
  • Bei den erfassten Unternehmen fehlen kleine und mittelständische Unternehmen und der komplette Finanzsektor, der jedoch eine erhebliche Hebelwirkung hätte.
  • Hinsichtlich der geschützten Ökosysteme beschränkt sich der Vorschlag auf Wälder und trägt damit nicht zum Schutz wichtiger Ökosysteme wie der brasilianischen Cerrado-Savanne bei.
  • Außerdem werden Menschenrechte nicht von dem Vorschlag umfasst.

Der offensichtliche Zusammenhang zwischen dem Schutz der Rechte von Indigenen Völkern und ihren Lebensräumen wird dabei ignoriert. Menschenrechtsschutz ist Waldschutz und umgekehrt.

Die Konsument*innen: Waldschutz muss Handlungsmaxime werden

So sieht es auch Umweltwissenschaftlerin Evelyn Schönheit, die sich seit langem im Forum Ökologie & Papier für einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Produkt Papier zum Schutz der Wälder, der Arten, des Klimas und für bessere Lebensbedingungen vieler Menschen vor allem im Globalen Süden engagiert. Sie und das Forum wollen Verbraucher*innen, Politik und Wirtschaft durch gezielte Informationsarbeit über die Folgen des Papierverbrauchs aufklären. Wichtig hierbei ist es, diese Informationen in Handeln zu übersetzen. Mit anderen Worten: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so Evelyn Schönheit.

Die Papierindustrie könnte durch mehr Recycling ihren Frischfaserbedarf und dessen negative Folgen deutlich reduzieren. Strengere Regeln, wie sie nun von EU vorbereitet werden, sind hierfür ein wichtiger Schritt.

Mehr als zwanzigmal kann eine Papierfaser recycled werden, wenn die Frischfaser ihren Lebenszyklus nicht schon bei der ersten Nutzung als Hygienepapier beendet.

An die Verbraucher*innen appelliert Evelyn Schönheit, Papier zu sparen, wo immer es geht. Helfen würde auch schon mehr Akzeptanz von weniger weißen Papieren, die aus recycelten Verpackungsmaterialien gewonnen werden. Das gilt insbesondere für Hygienepapiere wie Toilettenpapiere und Taschentücher, denn diese werden dem Papierkreislauf nach der Verwendung nicht wieder zum Recycling zur Verfügung stehen.

Obwohl es zahlreiche recycelte Alternativen gibt, ist die Nachfrage nach Frischfasern beim (Hygiene-) Papier weiterhin groß. Rund 40 Prozent der industrielen Holzernte gehen aktuell in die Papierproduktion. Deutschland liegt beim Papierverbrauch auf den vorderen Plätzen – in absoluten Zahlen sowie pro Kopf – und trägt damit erheblich zu sozialen und ökologischen Problemen wie Endwaldung und Landnutzungsänderungen bei. Beim nachhaltigen Konsum steht neben der Sparsamkeit deshalb auch die Frage nach sozial und ökologisch verantwortungsvoll produzierten Alternativen im Mittelpunkt.

„Deutschland liegt beim Papierverbrauch auf den vorderen Plätzen.“ Evelyn Schönheit vom Forum Ökologie und Papier

Die Wirtschaft: Unternehmen wandeln sich

Die Bambuspapiere von Smoothpanda sind Holzfrei und neben Recyclingpapier eine weitere Alternative zur Frischfaser. (Bild: Smooth Panda.)

Die Improving Earth GmbH aus Reinfeld in Schleswig-Holstein macht Verbraucher*innen, die auf Frischfaser im Hygienebereich absolut nicht verzichten wollen, mit Smooth Panda ein solches Angebot. Karsten Lutz ist Gründer und Geschäftsführer des Start-ups, das Toiletten- und andere Hygienepapiere aus Bambusfasern herstellt. Sein Ziel heißt: „Feeling without Wood“. Mit einem Geschäftsmodell, das soziale und ökologische Verantwortung an den Anfang stellt, will sein Start-up mit gutem Beispiel vorangehen und auch „die Großen“ in der Branche herausfordern.

Ein wichtiger Hebel hierbei ist das sorgfältige Sourcing (Beschaffung) von Rohstoffen. Hierfür die richtigen und vertrauenswürdige Partner*innen zu finden, war und bleibt eine Herausforderung. Auf eilige Zusagen von Sozial- und Umweltstandards seiner chinesischen Zulieferer*innen allein will Karsten Lutz sich dabei nicht verlassen. Improving Earth investiert Mühe, um seine Lieferketten zu durchleuchten. Wichtig ist hierbei auch eine offene Kultur im Unternehmen, die es zulässt Probleme und Bedenken auszusprechen. Gerne würde Karsten Lutz die Rohstoffproduktion näher an den Firmensitz in Reinfeld verlegen, um noch mehr Kontrolle über die Produktionsbedingungen zu haben. Die Vision eines ökologischen, möglicherweise auch europäischen Bambusanbaus ist momentan jedoch noch Zukunftsmusik. Vorerst geben auch Zertifikate und Audits dem Unternehmer und seinen Kund*innen Vertrauen in die Rohstoffproduktion.

Auch Karsten Lutz setzt Hoffnung in neue verbindliche Regeln für Lieferketten. Bereits mit dem jüngst beschlossenen deutschen Lieferkettengesetz besteht für Improving Earth die Chance, zusätzliche Kontrolle über die Einhaltung von Menschenrechten zu gewinnen. Sollte eine staatliche Aufsicht über die großen Konzerne und Abnehmer*innen wirklich gelingen, würde das die Wettbewerbsgleichheit auch für kleine Unternehmen und Vorreiter*innen wie Improving Earth verbessern. Alle müssten sich dann an Regeln ethischen Handelns halten.

Der Text basiert auf der Veranstaltung „Lieferketten auf dem Holzweg?! Helfen Sorgfaltspflichten gegen die globale Entwaldung?“ die am 1. Dezember 2021 gemeinsam vom Projekt Wirtschaft und Menschenrechte in Schleswig-Holstein und der Fairtrade Stadt Lübeck ausgerichtet wurde.

Quelle: https://zukunft.global/inhalt/runter-vom-holzweg.html

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