FAIR FOR FUTURE

Hervorgehoben

Lesungen und Diskussion mit Katharina Nickoleit
am Freitag, 30.09.2022, um 19:00 Uhr, VHS, Hüxstraße 118-120 in Lübeck
und mit einem anderen inhaltlichen Schwerpunkt
am Donnerstag, 29.09.2022, um 19:00 Uhr, Rathaus Stockelsdorf

Der Eintritt ist jeweils frei.

»Wir sind reich, weil ihr arm seid!«
Die Beziehungen zwischen Handelsunternehmen in den Industrieländern und Produzenten im Globalen Süden waren und sind häufig von ungleichen Machtpositionen, Abhängigkeiten und Ausbeutung geprägt. Um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, entstand 1970 die Bewegung des Fairen Handels. Im Laufe von 50 Jahren hat sie sich professionalisiert, ihr Siegel ist in jedem Supermarkt zu finden. Doch erfüllt der Faire Handel seine selbstgesteckten Ziele? Taugt er als Modell, um das Problem der globalen Ungleichheiten anzugehen?
Und genügt er heutigen Forderungen nach Nachhaltigkeit?
Gerd Nickoleit war Mitbegründer des Fairhandelshauses GEPA . Zusammen mit seiner Tochter Katharina zieht er in diesem Buch eine Bilanz der letzten 50 Jahre und stellt erfolgreiche Projekte aus aller Welt vor. Außerdem setzen sich die beiden mit der
Zukunftsfähigkeit des Fairen Handels auseinander, mit den Herausforderungen und Chancen, die etwa die Fridays for Future Bewegung bietet, und mit dem geplanten Lieferkettengesetz.
Fest steht: Ein gerechtes Welthandelssystem ist nach wie vor bitter nötig, und der Faire Handel zeigt, dass es möglich ist!

Gerd Nickoleit, Jahrgang 1943, studierte Wirtschaft, war 1970 Mitbegründer des
Fairhandelshauses GEPA , entwickelte dessen Kriterien und brachte die »Jute statt Plastik«-Tasche aus Bangladesch nach Deutschland. Er ist Mitgründer der World Fair Trade Organization, leitete 30 Jahre lang die Grundsatzabteilung der GEPA und ist Ehrenvorsitzender des Forums Fairer Handel.
Katharina Nickoleit, Jahrgang 1974, wuchs als Tochter von Gerd Nickoleit mit dem Fairen
Handel auf, studierte Jura und Journalismus in Mainz, berichtet seit 2003 als freie Journalistin für den WDR, den Deutschlandfunk und die ARD aus dem Globalen Süden, Schwerpunkte sind Umwelt, Gesundheit und Globalisierung. Für ihre Features erhielt sie diverse Stipendien und Medienpreise. Bisher bei Ch. Links: »Bolivien. Ein Länderporträt« (2019).

FAIRER HANDEL beim HanseKulturFestival 2022

HanseKulturFestival 10.-12. Juni: Obertrave steht im Zeichen des Fairen Handels

Während des HanseKulturFestivals vom 10.6. bis 12.6. findet an der Obertrave ein FAIR+BIO+REGIONAL Markt statt. Mit leckeren Köstlichkeiten wie Quiche, Fair Trade Kaffee und Tee sowie kühlen Getränken sorgen Landwege evG und ONE Fair Trade Kaffeerösterei, Mitglieder der Steuerungsgruppe Fairtrade Stadt, für das leibliche Wohl. Das Lübecker Modelabel Green Size sowie das Modegeschäft Freistil bieten Kleidung für Groß und Klein aus öko-fairer Produktion, während der Goldene Hirsch mit Kunsthandwerk aus regionaler Produktion und das Fachgeschäft ONE Fairtrade mit international gefertigten Fair Trade Produkten dabei sein werden.
Dazu können sich Interessierte über Fairen Handel und das EU Lieferkettengesetz informieren und durch die Ausstellung „Der Weg zur Fairen Hanse“ erfahren, weshalb sich mittlerweile viele Hansestädte international auf den Weg gemacht haben, sich für Fairen Handel zu engagieren.

Kinderprogramm

Foto: Skuter, Quelle: www.piqs.de/ Some rights reserved

Während auf der großen Bühne Live Musik geboten wird, gibt es beim FAIR+BIO+REGIONAL Markt von Samstag bis Sonntag ein eigenes Programm für Kinder. Auf der kleinen Bühne und in dem Zelt daneben darf gemalt und gebastelt werden. Zu bestimmten Uhrzeiten gibt es Anleitung für die Papierfaltkunst Origami und Ilka Wäsche vom Verein Landwege zeigt Kindern, wie aus Kakaobohnen selbst Kakao hergestellt werden kann. Dieser darf anschließend natürlich auch getrunken werden.

Kleine Lieder und kleine Zaubereien für kleine (und auch gern für große) Menschen bringt das Theater am Tremser Teich am Sonntag zum Hansekulturfestival mit. Die Spielstätte für Kiddies & Co. aus der Warthestraße gastiert mit einer Mini-Lieder-Zauber-Show für Kinder am Sonntag, 12.6. auf der kleinen Bühne auf dem FAIR+BIO+REGIONAL Markt an der Obertrave. Zu erleben sind die Märchenfee „Fantasia“ mit ihrer zauberhaften Stimme und der Zauberer „Pepito“ mit wundersamen Geschichten. Beginn ist jeweils um 13.00 Uhr und um 15.30 Uhr.

Kinderprogramm mit Zeiten aller Angebote:

Welttag gegen Kinderarbeit!

Am Samstag, 11.6. weisen Mitglieder von Fairtrade Stadt Lübeck gemeinsam mit Simone Ludewig, vom Bündnis Eine Welt SH mit besonderen Aktionen darauf hin, dass weltweit 79 Millionen Kinder durch schwere und gefährliche Arbeit ausgebeutet werden. Auch deutsche Unternehmen tragen Verantwortung, den Schutz von Kindern vor wirtschaftlicher Ausbeutung zu achten. Das geplante EU-Lieferkettengesetz soll Unternehmen verpflichten, in ihren Lieferketten Sorgfaltspflichten einzuhalten und so nicht länger zu derartigen Menschenrechtsverstößen beizutragen. Am Stand von Fairtrade Stadt Lübeck kann an allen drei Tagen des Festivals eine Petition für ein wirksames Lieferkettengesetz auf EU Ebene unterzeichnet werden. Am Samstag, 11.6. informiert Simone Ludewig, Projekt Wirtschaft und Menschenrechte in SH, um 17:30 Uhr mit einem Kurzvortrag auf der kleinen Bühne über weltweite Kinderarbeit und was ein EU-Lieferkettengesetz bewirken kann.

Beim Infostand Fairtrade Stadt Lübeck kann die Petition für ein starkes EU-Lieferkettengesetz unterzeichnet werden. Hier geht’s auch online: https://lieferkettengesetz.de/mitmachen/

Weitere Informationen zur Kampagne YES EU CAN siehe: https://lieferkettengesetz.de/

Runter vom Holzweg!

Der Text basiert auf der Veranstaltung „Lieferketten auf dem Holzweg?! Helfen Sorgfaltspflichten gegen die globale Entwaldung?“, die am 1. Dezember 2021 gemeinsam vom Projekt Wirtschaft und Menschenrechte in Schleswig-Holstein und Fairtrade Stadt Lübeck e.V. organisiert und digital durchgeführt wurde.

Text: Simone Ludewig

Der Wald muss dringend wieder als Ökosystem und nicht länger als Rohstoffreserve betrachteten werden, fordern Forstwirt Lutz Fähser und Umweltwissenschaftler*in Evelyn Schönheit. (Bild: unsplash)

Wie kommen wir zu entwaldungsfreien Lieferketten?

Die globalen Waldbestände und damit auch die Artenvielfalt sowie Menschenrechte sind akut gefährdet. Mit der weltweit fortschreitenden Abholzung riesiger Waldflächen droht das Klimasystem unwiderruflich zu kippen. Unterschiedliche Perspektiven blicken auf den Zusammenhang zwischen globalen Lieferketten und dem Verschwinden der Wälder.

Der Forstwirt: Mit dem Wald überleben

Dr. Lutz Fähser, Forstwirt und ehemaliger Forstdirektor, ist international anerkannter Fachmann für naturnahe Waldbewirtschaftung und sieht eine globale Verantwortung der Entwaldung ein schnelles Ende zu bereiten. Zentraler Grund für die fortschreitende Entwaldung bzw. Degradierung der globalen Waldbestände ist der marktwirtschaftliche Sog nach Holz und Rohstoffen aus den reichen Industrieländern. Wälder müssen aber dringend wieder als Ökosysteme statt als Rohstoffreserve begriffen werden.

13 Mio Hektar Wald gehen jährlich verloren. Treiber: der Konsum von Risikogütern. (Bild: ADP Partner, CC 3.0)

Bereits 1992 entstanden auf der bisher größten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro die Konventionen zu Klima, Biodiversität und Wüsten. Fast alle Staaten verpflichteten sich mit dieser zu einer „Nachhaltigen Entwicklung“ (Sustainable Development). „Nachhaltig“ wäre es, die Grenzen der natürlichen Leistungsfähigkeit von Wäldern zu respektieren, denn diese definieren die Nutzungsmöglichkeiten. Eine verantwortungsvolle Nutzung auch in globalen Lieferketten muss deshalb zwingend überlebensorientiertes Verhalten bedeuten. Das Wirtschaften muss sich dafür in den Naturhaushalt einfügen und die Menschheit sich ethisch als Teil der Natur empfinden.

Ein Beispiel hierfür ist der 5.000 Hektar große Stadtwald von Lübeck. Er wird seit 1994 behutsam zu mehr Naturnähe entwickelt und mit einem Minimum an Störungen bewirtschaftet. Dafür wurde der Wald vom Bundesumweltministerium als Referenzmodell für eine „Nachhaltige Entwicklung“ im Sinne der Rio-Konferenz von 1992 ausgezeichnet.

Die großen globalen Waldtypen sind durch die verschiedenen Klimazonen unterschiedlich geprägt und unterschiedlich empfindlich gegenüber ihrer Nutzung. Es gibt boreale, temperate, trockene und feucht-tropische Wälder von derzeit jeweils ca. 800 Mio. Hektar Verbreitung. Damit besteht nur noch die Hälfte der ursprünglichen Waldfläche der Erde. Jährlich verschwindet weltweit weiter etwa die ein- bis zweifache Fläche des deutschen Waldes und es entstehen mehr als zehn Mio. Hektar Wüsten. Viele Länder besitzen nur noch eine Waldbedeckung von unter fünf Prozent, so z.B. Äthiopien, Pakistan und Madagaskar. In Deutschland bleibt die bewaldete Fläche von 33 Prozent im Moment stabil, deren Vitalität und Überlebensfähigkeit sinkt allerdings durch unökologische Forstwirtschaft und Effekte des Klimawandels.

„Wälder müssen dringend wieder als Ökosysteme statt als Rohstoffreserve begriffen werden.“ Lutz Fähser, Forstwirt

Delara Burkhard hat den Initiativbericht für entwaldungsfreie Lieferketten des Europäischen Parlaments verfasst (Bild: European Union 2021: EP)

Das Europäische Parlament: Die EU muss handeln

Delara Burkhardt, Europaabgeordnete der SPD aus Schleswig-Holstein, hat den Initiativbericht des Europäischen Parlaments für entwaldungsfreie Lieferketten vorbereitet. Hintergrund dafür war, dass allein der EU-Konsum zum jährlichen Verlust von 13 Mio. Hektar Wald mit 16 Prozent beiträgt.

Hierbei spielt nicht nur der Verbrauch von Holz z. B. als Baustoff, sondern insbesondere, der Konsum von Risikogütern eine entscheidende Rolle. Güter wie z.B. Soja, Fleisch, Palmöl oder Kakao gefährden natürliche Wälder, weil sie große Flächen beanspruchen.

Mit einer neuen Verordnung will die EU hier nun Abhilfe schaffen, damit die Lieferketten nach Europa entwaldungsfrei werden.  Am 17. November 2021 hat die EU-Kommission hierfür einen Vorschlag gemacht. Im Vergleich mit dem Initiativbericht des Parlaments klaffen in diesem jedoch noch gravierende Regelungslücken:

  • Die Liste der erfassten Risikowaren schließt wichtige Produkte wie Kautschuk und Mais nicht ein.
  • Bei den erfassten Unternehmen fehlen kleine und mittelständische Unternehmen und der komplette Finanzsektor, der jedoch eine erhebliche Hebelwirkung hätte.
  • Hinsichtlich der geschützten Ökosysteme beschränkt sich der Vorschlag auf Wälder und trägt damit nicht zum Schutz wichtiger Ökosysteme wie der brasilianischen Cerrado-Savanne bei.
  • Außerdem werden Menschenrechte nicht von dem Vorschlag umfasst.

Der offensichtliche Zusammenhang zwischen dem Schutz der Rechte von Indigenen Völkern und ihren Lebensräumen wird dabei ignoriert. Menschenrechtsschutz ist Waldschutz und umgekehrt.

Die Konsument*innen: Waldschutz muss Handlungsmaxime werden

So sieht es auch Umweltwissenschaftlerin Evelyn Schönheit, die sich seit langem im Forum Ökologie & Papier für einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Produkt Papier zum Schutz der Wälder, der Arten, des Klimas und für bessere Lebensbedingungen vieler Menschen vor allem im Globalen Süden engagiert. Sie und das Forum wollen Verbraucher*innen, Politik und Wirtschaft durch gezielte Informationsarbeit über die Folgen des Papierverbrauchs aufklären. Wichtig hierbei ist es, diese Informationen in Handeln zu übersetzen. Mit anderen Worten: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so Evelyn Schönheit.

Die Papierindustrie könnte durch mehr Recycling ihren Frischfaserbedarf und dessen negative Folgen deutlich reduzieren. Strengere Regeln, wie sie nun von EU vorbereitet werden, sind hierfür ein wichtiger Schritt.

Mehr als zwanzigmal kann eine Papierfaser recycled werden, wenn die Frischfaser ihren Lebenszyklus nicht schon bei der ersten Nutzung als Hygienepapier beendet.

An die Verbraucher*innen appelliert Evelyn Schönheit, Papier zu sparen, wo immer es geht. Helfen würde auch schon mehr Akzeptanz von weniger weißen Papieren, die aus recycelten Verpackungsmaterialien gewonnen werden. Das gilt insbesondere für Hygienepapiere wie Toilettenpapiere und Taschentücher, denn diese werden dem Papierkreislauf nach der Verwendung nicht wieder zum Recycling zur Verfügung stehen.

Obwohl es zahlreiche recycelte Alternativen gibt, ist die Nachfrage nach Frischfasern beim (Hygiene-) Papier weiterhin groß. Rund 40 Prozent der industrielen Holzernte gehen aktuell in die Papierproduktion. Deutschland liegt beim Papierverbrauch auf den vorderen Plätzen – in absoluten Zahlen sowie pro Kopf – und trägt damit erheblich zu sozialen und ökologischen Problemen wie Endwaldung und Landnutzungsänderungen bei. Beim nachhaltigen Konsum steht neben der Sparsamkeit deshalb auch die Frage nach sozial und ökologisch verantwortungsvoll produzierten Alternativen im Mittelpunkt.

„Deutschland liegt beim Papierverbrauch auf den vorderen Plätzen.“ Evelyn Schönheit vom Forum Ökologie und Papier

Die Wirtschaft: Unternehmen wandeln sich

Die Bambuspapiere von Smoothpanda sind Holzfrei und neben Recyclingpapier eine weitere Alternative zur Frischfaser. (Bild: Smooth Panda.)

Die Improving Earth GmbH aus Reinfeld in Schleswig-Holstein macht Verbraucher*innen, die auf Frischfaser im Hygienebereich absolut nicht verzichten wollen, mit Smooth Panda ein solches Angebot. Karsten Lutz ist Gründer und Geschäftsführer des Start-ups, das Toiletten- und andere Hygienepapiere aus Bambusfasern herstellt. Sein Ziel heißt: „Feeling without Wood“. Mit einem Geschäftsmodell, das soziale und ökologische Verantwortung an den Anfang stellt, will sein Start-up mit gutem Beispiel vorangehen und auch „die Großen“ in der Branche herausfordern.

Ein wichtiger Hebel hierbei ist das sorgfältige Sourcing (Beschaffung) von Rohstoffen. Hierfür die richtigen und vertrauenswürdige Partner*innen zu finden, war und bleibt eine Herausforderung. Auf eilige Zusagen von Sozial- und Umweltstandards seiner chinesischen Zulieferer*innen allein will Karsten Lutz sich dabei nicht verlassen. Improving Earth investiert Mühe, um seine Lieferketten zu durchleuchten. Wichtig ist hierbei auch eine offene Kultur im Unternehmen, die es zulässt Probleme und Bedenken auszusprechen. Gerne würde Karsten Lutz die Rohstoffproduktion näher an den Firmensitz in Reinfeld verlegen, um noch mehr Kontrolle über die Produktionsbedingungen zu haben. Die Vision eines ökologischen, möglicherweise auch europäischen Bambusanbaus ist momentan jedoch noch Zukunftsmusik. Vorerst geben auch Zertifikate und Audits dem Unternehmer und seinen Kund*innen Vertrauen in die Rohstoffproduktion.

Auch Karsten Lutz setzt Hoffnung in neue verbindliche Regeln für Lieferketten. Bereits mit dem jüngst beschlossenen deutschen Lieferkettengesetz besteht für Improving Earth die Chance, zusätzliche Kontrolle über die Einhaltung von Menschenrechten zu gewinnen. Sollte eine staatliche Aufsicht über die großen Konzerne und Abnehmer*innen wirklich gelingen, würde das die Wettbewerbsgleichheit auch für kleine Unternehmen und Vorreiter*innen wie Improving Earth verbessern. Alle müssten sich dann an Regeln ethischen Handelns halten.

Der Text basiert auf der Veranstaltung „Lieferketten auf dem Holzweg?! Helfen Sorgfaltspflichten gegen die globale Entwaldung?“ die am 1. Dezember 2021 gemeinsam vom Projekt Wirtschaft und Menschenrechte in Schleswig-Holstein und der Fairtrade Stadt Lübeck ausgerichtet wurde.

Quelle: https://zukunft.global/inhalt/runter-vom-holzweg.html